Von Bowie bis Boy George – Wie wir echte Toleranz lebten, bevor sie uns verordnet wurde

Von Bowie bis Boy George – Wie wir echte Toleranz lebten, bevor sie uns verordnet wurde

Es gibt Generationen, die das Wort „Toleranz“ nie im Munde führten – und trotzdem lebten. Menschen, die David Bowie hörten, ohne sich daran zu stören, dass er im Glitzerfummel auf der Bühne stand, der die Geschlechtergrenzen verwischte wie ein Maler seine Aquarellfarben. Eine Jugend, die Elton John lauschte und sich höchstens fragte, wie viele Flügel der Mann wohl noch zertrümmern würde, aber sicher nicht, wen er nach dem Konzert küsste. Damals reichte es, wenn die Musik gut war – das war das Maß. Kein Diskurs, kein „Canceln“, kein Zwangsapplaus für Solidarität.

Heute dagegen reicht es nicht mehr, wenn man einfach lebt und leben lässt. Nein, heute muss man „ein Zeichen setzen“: gegen Hass, gegen Ausgrenzung, gegen Diskriminierung. Als ob man nicht schon tolerant wäre, sondern erst durch ein Instagram-Posting, ein Gendersternchen oder eine Gesetzesnovelle. Wer sich weigert, das Spiel mitzuspielen, ist plötzlich verdächtig. Was einst Leichtigkeit war, ist heute schwerfällige Pflicht.

Die alte Generation hatte ihre Werte: Hilfsbereitschaft, Anstand, Empathie. Kein Gesetz zwang dazu, aber man wusste: wer sich danebenbenimmt, erntet die verachtenden Blicke der Nachbarn und verliert Freunde. Heute dagegen ersetzt das Strafregister die soziale Kontrolle, und moralische Zensoren regieren Twitter wie kleine Blockwarte der Empfindlichkeit.

Dieses Essay will die Unterschiede beleuchten – mit Beispielen aus der Musik, der Kultur, dem Alltag. Mit einem Augenzwinkern, aber auch mit einem ernsten Unterton: Denn Toleranz, die verordnet wird, ist keine Toleranz. Sie ist das Gegenteil.

Ein satirisch-polemischer Abgesang auf eine Gesellschaft, die sich in ihrer moralischen Selbstverliebtheit verirrt hat von Alfred-Walter von Staufen

Es gibt Momente, in denen man sich fragt, ob man selbst verrückt geworden ist – oder ob die Welt kollektiv in einen moralischen Zirkus gezogen ist, in dem Clowns nicht mehr rote Nasen tragen, sondern Regenbogenabzeichen und eine ganze Liste von Pronomen. Die eine Hälfte der Manege ist damit beschäftigt, den anderen zu erklären, wie sie zu reden haben, die andere Hälfte nickt pflichtbewusst und klatscht Applaus, als wäre man wieder in der FDJ-Versammlung. Nur dass die Losung heute nicht „Vorwärts zum Sieg des Sozialismus“ heißt, sondern „Solidarität zeigen!“. Das klingt freundlicher, hat aber denselben Beigeschmack: Wer nicht mitmacht, fliegt raus.

Ich erinnere mich noch an eine Zeit, in der Musik einfach Musik war. In der es uns herzlich egal war, ob Lou Reed im „Walk on the Wild Side“ über Transvestiten sang. Wir summten mit, fühlten die Melodie – und keiner kam auf die Idee, dafür ein Ethikseminar einzuberufen. Heute hätte man wahrscheinlich fünf Arbeitsgruppen gegründet: „Gendergerechte Übersetzung des Textes“, „Triggerwarnungen für Jugendliche“, „Fördermittel für queere Straßenmusik“, und am Ende hätte die Kulturstaatsministerin einen Preis für „Besonders diversitätsbewusste Tonlagen“ verliehen. Und das Publikum? Es hätte den Walk on the Wild Side auf Instagram hochgeladen – mit zehn Hashtags, damit jeder sieht, dass man auf der richtigen Seite steht.

Unsere Generation hörte Elton John und Freddie Mercury, und die einzigen Fragen, die uns beschäftigten, waren: „Wird Elton noch eine weitere überdimensionale Brille aus dem Hut zaubern?“ und „Wie schafft es Freddie, in dieser hautengen Hose überhaupt zu atmen?“ Heute wäre das eine Katastrophe. Der eine würde von „Bodyshaming“ sprechen, der nächste von „Sexismus“, und irgendein Kulturredakteur würde schreiben, dass wir gefälligst die queere Identität hinter der engen Hose würdigen müssten. Dabei war das damals der Witz: Man musste es nicht würdigen, man hat es einfach akzeptiert. Und zwar, ohne dass jemand dafür Applaus wollte.

Boy George kam auf die Bühne, geschminkt wie eine bessere Travestieversion von Cleopatra, und das Publikum? Es tanzte. Wir fragten uns nicht: „Ist er nun ein Mann, eine Frau oder die erste frühe Beta-Version von Genderfluidität?“ Wir tanzten. Punkt. Heute? Heute würde man ihn vor ein Panel setzen, Moderatorin Anne Will würde fragen: „Wie definieren Sie sich eigentlich?“, fünf Experten würden nicken, und die halbe Nation würde sich streiten, ob er schon ein frühes Opfer des binären Patriarchats war oder einfach nur ein bunter Hund.

Und dann Jimmy Sommerville: ein kleiner Mann mit einer großen Stimme, der in „Smalltown Boy“ seine Geschichte vom schwulen Jugendlichen sang. Wir fühlten mit. Ehrlich, direkt, ohne Belehrung. Da stand kein Innenminister im Bundestag und erklärte: „Ab morgen müssen alle Radiohörer mindestens 20 Sekunden in Solidarität innehalten, wenn das Lied gespielt wird.“ Nein, es reichte, dass es uns berührte. Dass wir eine Gänsehaut bekamen. Musik hat mehr erreicht, als es jedes Gesetz, jede Kampagne, jedes Gendersternchen je schaffen wird.

Manchmal habe ich das Gefühl, wir haben eine Epoche erlebt, die viel toleranter war, gerade weil sie sich nicht ständig Toleranz auf die Fahnen schrieb. Heute dagegen wirkt das Ganze wie eine Dauerwerbesendung: „Kaufen Sie jetzt unser Solidaritäts-Abo, nur 9,99 Euro pro Monat, inklusive Regenbogensticker und moralischer Überlegenheit!“ Und wehe, man kündigt das Abo. Dann heißt es sofort: „Rechter! Nazi! Menschenfeind!“ Wer nicht im Club der Guten zahlt, landet im moralischen Knast.

Wir, die Generation, die Deep Purple, Led Zeppelin und die Eagles hörte, lebten in einer Welt, in der ein Songtext noch ein Songtext sein durfte. Heute? Heute wird „Brown Sugar“ von den Rolling Stones in den Radios gestrichen, weil irgendjemand es sexistisch findet. Ausgerechnet die Generation, die damals rebellierte, knickt jetzt vor der Empörungsgesellschaft ein. Ein Lied, das Millionen begeistert hat, wird heute behandelt wie radioaktiver Abfall. Man fragt sich: Wo bleibt die Revolution, wenn sie wirklich gebraucht wird? Vermutlich bei der nächsten Podiumsdiskussion über Mikroaggressionen.

Dabei war es so einfach. Wir hatten Werte – und die waren nicht ausgedruckt in 300 Seiten Gesetzestexten oder in Leitfäden für gendersensible Sprache. Wir hatten Eltern, die uns beibrachten: „Hilf deinem Nachbarn. Sei kein Arschloch. Respektiere andere.“ Fertig. Heute braucht man dafür zehn Ethikkommissionen, drei NGOs und 15.000 Fördergelder. Und trotzdem klappt es schlechter als damals.

Was ist passiert? Vielleicht hat es damit zu tun, dass unsere Gesellschaft den moralischen Kompass aus der Hand gegeben hat – und ihn denjenigen überlassen hat, die am lautesten schreien. Früher war Empathie still. Man half, ohne ein Selfie zu machen. Heute ist Empathie laut. Man postet sein Engagement mit Hashtag und Filter, während man gleichzeitig die Nachbarin verklagt, weil ihre Kinder zu laut sind. Wir haben das Herz gegen die PR-Maschine getauscht.

Und die Zensoren? Sie wirken wie Leute, die ständig an einer Schraube drehen, bis sie abbricht. Statt Toleranz fördern sie Intoleranz. Wer zensiert, erntet keine Ruhe, sondern Widerstand. Wer Witze verbietet, bekommt am Ende noch mehr davon – und zwar härtere. Wer Sprache reglementiert, bringt die Menschen erst recht dazu, sie zu verdrehen. Es ist ein Spiel, das niemand gewinnen kann.

Die alte Generation hatte ihre Clowns, ihre Rebellen, ihre Provokateure. Und wir haben gelacht. Heute? Heute hat man das Gefühl, dass schon ein schiefer Blick reicht, um auf Twitter als „Problemfall“ gebrandmarkt zu werden. Und diese Empörung ist zur Ersatzreligion geworden. Früher ging man in die Kirche, heute geht man auf Instagram. Die Liturgie ist dieselbe: Bekennen, beichten, Buße tun. Nur dass die Hostie jetzt aus Hashtags besteht.

Nehmen wir Alyson Moyet: eine Frau mit einer Stimme, die Häuser zum Einsturz bringen konnte. Sie war keine Claudia Schiffer. Und? Niemand hat sich daran gestört. Heute würde sie vermutlich in einer Body-Positivity-Debatte verheizt werden. Die einen würden sie als Symbol feiern, die anderen würden ihr absurde Ideale aufdrücken. Damals? Sie war einfach sie selbst. Man hörte sie. Punkt. Mehr brauchte es nicht.

Ich frage mich manchmal: Vielleicht sind wir die Dummen, weil wir es damals so leicht hatten. Weil wir dachten, es sei selbstverständlich, dass man sich nicht für die Vorlieben anderer interessiert. Vielleicht waren wir zu naiv, weil wir nicht ahnten, dass man irgendwann aus Toleranz ein Geschäft machen würde. Heute wird Toleranz verkauft wie ein Lifestyle-Produkt: nachhaltig, klimaneutral, politisch korrekt verpackt – und völlig steril.

Das Problem ist: Echte Toleranz braucht keine Verpackung. Sie braucht keine Gesetzgebung. Sie braucht nur Menschen, die mit gesundem Menschenverstand durch die Welt gehen. Menschen, die wissen, dass Respekt keine Ideologie, sondern eine Haltung ist. Aber genau diese Haltung scheint verloren gegangen zu sein. Stattdessen haben wir ein System, das uns in Kategorien einsortiert wie Lebensmittel im Supermarktregal: vegan, bio, fairtrade – und wehe, du kaufst das falsche Produkt, dann bist du moralisch verdorben.

Wir waren die Generation, die Neil Young hörte, der mit brüchiger Stimme von Herzschmerz und von „Rockin’ in the Free World“ sang. Wir haben nicht überprüft, ob die Texte genügend Diversität abbildeten, ob er die First Nations korrekt repräsentierte oder ob seine Metaphern „triggern“ könnten. Wir haben einfach den Klang genossen, uns betrunken oder bekifft im Gras wälzend, und das war unsere ganze Analyse. Heute braucht es einen Mediationsworkshop für jedes zweite Wort, und ein Sprachgutachter schreibt Gutachten über Begriffe, die schon seit fünfzig Jahren im Duden stehen.

Stellen wir uns vor: Deep Purple singen „Smoke on the Water“. In der heutigen Zeit würden wahrscheinlich Aktivisten erklären, das sei eine unangemessene Romantisierung von Umweltkatastrophen. „Wie können die nur Rauch auf dem Wasser besingen, wo doch der Klimawandel…!“ Die Grünen würden eine Anfrage im Bundestag stellen, die FDP ein Gesetz für „rauchfreie Lyrics“ entwerfen, und die CDU würde eine Kommission fordern, die den Zusammenhang zwischen Rockmusik und Waldbrandgefahr untersucht. So weit sind wir gekommen.

Und dann die Eagles, „Hotel California“. Ein Song, der uns in eine düstere, surreale Welt entführte. Heute würde man den Text auseinandernehmen: „Ist das nicht eine versteckte Kritik an Migration? Ist das nicht diskriminierend, weil die Gäste nicht mehr auschecken können? Ein Hotel als Gefängnis – das könnte Menschen triggern, die schlechte Erfahrungen in Asylunterkünften gemacht haben!“ Wir würden uns zu Tode diskutieren. Damals haben wir einfach die Gitarren gehört und Gänsehaut bekommen.

Es ist ja nicht so, dass unsere Generation frei von Problemen gewesen wäre. Natürlich gab es Rassismus, Sexismus, Vorurteile. Aber der Unterschied war: Man sprach darüber, man setzte sich auseinander – ohne gleich ein Gesetzespaket daraus zu machen. Heute hat man das Gefühl, die Bürokratie sei der Ersatz für den gesunden Menschenverstand. Ein dummer Spruch im Pausenraum? Früher gab’s ein Augenrollen, heute eine Abmahnung und Diversity-Schulung.

Und damit sind wir beim Kern: Toleranz lässt sich nicht verordnen. Sie wächst nicht durch Androhung von Sanktionen. Sie entsteht im Alltag, durch Begegnungen, durch Erfahrungen. Wer als Jugendlicher Boy George im Fernsehen sah und merkte: „Okay, der sieht anders aus, aber er singt toll“ – der lernte Toleranz. Ohne PowerPoint-Präsentation. Ohne Fördergeldbescheid. Ohne Social-Media-Kampagne.

Doch unsere Zeit ist geprägt von Symbolpolitik. Da wird ein Zebrastreifen in Regenbogenfarben gemalt – während gleichzeitig in derselben Stadt Obdachlose unter Brücken schlafen. Hauptsache, man hat ein Zeichen gesetzt. Zeichen sind heute wichtiger als Taten. Der Politiker, der bei Instagram einen Regenbogen-Filter setzt, gilt als Held – auch wenn er gleichzeitig ein Gesetz unterschreibt, das Menschen in Not im Regen stehen lässt. Aber das Foto bleibt, das Gesetz liest keiner.

Wir lebten früher in einer Welt, in der eine dicke Frau mit großer Stimme einfach eine dicke Frau mit großer Stimme war. Alyson Moyet war nicht „Plus Size“, sie war nicht „Körperdiversität“, sie war einfach eine Sängerin. Heute hätte sie wahrscheinlich einen eigenen Fördertopf, eine Body-Positivity-Kampagne und einen Shitstorm von beiden Seiten: von den einen, weil sie nicht „dünn genug“ für das Ideal ist, und von den anderen, weil sie sich nicht genug politisch positioniert. Das ist der Wahnsinn: Man darf nicht mehr einfach sein. Alles ist Label. Alles ist Kampf.

Und dann dieser Schuldkult, den man uns auferlegt. Wir sollen uns permanent entschuldigen. Für alte Lieder, für alte Filme, für Witze, die wir vor dreißig Jahren gemacht haben. Als ob man durch das Umschreiben von Drehbüchern plötzlich die Vergangenheit reinwaschen könnte. Disney schneidet heute Szenen aus alten Klassikern, weil die Figuren nicht divers genug sind. In meiner Jugend war Donald Duck einfach Donald Duck – niemand fragte, ob er vielleicht eine Ente mit toxischer Männlichkeit ist. Heute wäre er wohl in Therapie.

Das Paradoxe ist: Indem man ständig neue Regeln, Verbote und Zensur einführt, erreicht man genau das Gegenteil. Man erzeugt Widerstand, man schafft neue Vorurteile. Menschen, die eigentlich tolerant wären, fühlen sich gegängelt – und reagieren trotzig. Wer immer nur hört, dass er „sensibilisiert“ werden müsse, der schaltet irgendwann ab. Und so produziert die Gesellschaft am Fließband genau jene Intoleranz, die sie zu bekämpfen vorgibt.

Vielleicht ist es Nostalgie. Vielleicht verklären wir die Vergangenheit, weil wir älter werden. Aber ich behaupte: Unsere Toleranz war echter. Sie war ungezwungen. Sie war nicht institutionalisiert, nicht monetarisiert, nicht politisiert. Sie war da, weil wir Musik liebten, Filme liebten, Menschen liebten – unabhängig davon, wie sie aussahen, wen sie küssten oder welches Etikett sie trugen.

Heute wird Toleranz gemessen in Likes und Retweets. Wer genug digitale Punkte sammelt, darf sich moralisch überlegen fühlen. Es ist wie ein Computerspiel: Wer am meisten Solidaritäts-Posts macht, steigt auf ins nächste Level. Und das hat mit Toleranz so viel zu tun wie Monopoly mit Volkswirtschaft.

Und das Bittere: Die echten Probleme gehen dabei unter. Während wir uns über Pronomen streiten, sterben Menschen im Mittelmeer. Während wir Gender-Sternchen verteidigen, verrotten Schulen und Krankenhäuser. Während wir Symbolpolitik feiern, brechen echte Werte zusammen. Wir diskutieren darüber, ob man „Studenten“ oder „Studierende“ sagen soll – und vergessen, dass sich viele das Studium gar nicht mehr leisten können.

Die Ironie an der ganzen Sache ist, dass wir uns damals tolerant verhielten, ohne es als Tugend auszustellen. Heute dagegen ist Toleranz wie eine Bio-Plastiktüte: Jeder muss sie mit sich herumtragen, damit man im Supermarkt des Lebens nicht schief angeschaut wird. Früher waren es Werte – heute sind es Zertifikate. Früher warst du ein anständiger Kerl, wenn du deiner Oma die Einkaufstasche hochgetragen hast. Heute bist du ein guter Mensch, wenn du den richtigen Hashtag setzt.

Ich erinnere mich an die 80er. Da lief George Michael im Radio, und jeder tanzte. Wir wussten, dass er schwul war, wir wussten es lange vor seinem offiziellen Outing – und es war uns schlicht egal. Heute wäre er zur „Ikone“ hochstilisiert worden, man hätte ihm den Bundesverdienstorden für Diversität verliehen, und jedes Album hätte mindestens zehn Untertitel gehabt: „Ein Zeichen für…“. Doch George Michael brauchte kein „Zeichen“. Er brauchte nur ein Mikrofon. Und er hatte eine Stimme, die uns erreichte. Reichte das nicht? Offenbar nicht mehr.

Dasselbe gilt für Freddie Mercury. Eine Stimme, die Stadien füllte, eine Präsenz, die Menschen elektrisierte. Wir sahen ihn auf der Bühne, wir fühlten das „We Are the Champions“, und keiner fragte: „Moment mal, was bedeutet das für die Genderdebatte?“ Heute würden wahrscheinlich ganze Forschungsprojekte in Auftrag gegeben, um herauszufinden, ob seine Performance nun eine queere Selbstermächtigung oder doch ein Akt patriarchaler Dominanz war. Alles muss seziert, kategorisiert, interpretiert werden. Und dabei geht das Wesentliche verloren: die Kunst, die Emotion, das Menschliche.

Wir hatten damals Witze – ja, manchmal derbe, manchmal geschmacklos. Aber ein Witz war ein Witz. Heute ist ein Witz ein Minenfeld. Ein falsches Wort, und schon bist du raus. Man wird nicht mehr ausgelacht, man wird angezeigt. Kabarettisten wie Harald Schmidt wären heute gar nicht mehr möglich. Seine ironischen Spitzen würden auf Twitter binnen Minuten einen Shitstorm auslösen. Und Dieter Nuhr? Der wird schon heute regelmäßig „gecancelt“, weil er es wagt, das Offensichtliche auszusprechen. Ironie hat keine Chance mehr, weil die Empörungskultur keinen Zwischenton kennt.

Und genau darin liegt das Problem: Die Welt ist grau, voller Zwischentöne, voller Nuancen. Aber wir haben sie in ein Schwarz-Weiß-Schema gepresst. Gut gegen Böse. Richtig gegen falsch. Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns. Ein altes Muster, das schon Religionen und Ideologien an die Wand gefahren hat. Nur dass es heute mit Regenbogenfarben bemalt ist und sich „progressiv“ nennt.

Was mich am meisten stört: Es gibt diese selbsternannten Moralwächter, die mit erhobenem Zeigefinger durch die Welt laufen, als wären sie die letzten Apostel. Sie sitzen in Talkshows, schreiben Kolumnen, predigen auf Social Media. Aber in Wirklichkeit haben sie oft keine Werte – nur eine Agenda. Früher war Toleranz eine Haltung. Heute ist sie ein Geschäftsmodell. NGOs, Fördergelder, Kampagnen – eine ganze Industrie lebt davon, uns permanent zu erklären, wie intolerant wir angeblich sind. Und je mehr Intoleranz sie finden, desto mehr Geld fließt.

Nehmen wir die Sprache. Wir sollen nicht mehr „schwarzfahren“ sagen, weil das diskriminierend sei. Bald dürfen wir auch nicht mehr „weißwaschen“ sagen, und irgendwann ist „graue Theorie“ wahrscheinlich auch ein Problem. Es ist absurd: Statt dass wir uns um echte Diskriminierung kümmern – Menschen, die wegen Hautfarbe oder Religion benachteiligt werden – debattieren wir über Metaphern. Als ob ein Wort jemals jemanden vom Busfahren abgehalten hätte.

Ich behaupte: Unsere Gesellschaft war entspannter, als wir weniger Regeln hatten. Weniger Gesetze, weniger Vorschriften, weniger moralische Kataloge. Damals gab es auch Konflikte – aber sie wurden ausgetragen, nicht verschoben in Ausschüsse und Ethikräte. Heute scheint es so, als wolle man jede menschliche Reibung ausmerzen. Nur: Ohne Reibung keine Wärme. Ohne Konflikte keine Entwicklung. Wir ersticken im Wattebausch der Political Correctness.

Man kann es auch anders ausdrücken: Wir haben früher miteinander gelebt. Heute leben wir nebeneinander – jeder in seiner moralischen Filterblase. Früher war die Musik ein gemeinsamer Nenner. Heute ist sie ein Spaltpilz. Jeder sucht nur noch die Playlist, die zu seiner Identität passt. Aber das große Ganze, das Gemeinsame, geht verloren.

Und genau das ist der Grund, warum wir uns heute so gespalten fühlen. Nicht, weil die Unterschiede größer wären – sondern weil wir verlernt haben, über sie hinwegzusehen. Weil wir uns in Kategorien verlieren. „Du bist queer, du bist hetero, du bist migrantisch, du bist bio-deutsch.“ Früher waren wir einfach nur Fans. Fans von Bowie, von Elton John, von Boy George. Musik vereinte uns – heute spaltet Politik uns.

Die Wahrheit ist: Toleranz braucht keine Pflicht. Sie braucht keine Gesetze. Sie braucht Herz. Und dieses Herz kann man nicht verordnen. Unsere Eltern haben uns beigebracht, was Respekt bedeutet. Sie haben uns gezeigt, dass man sich für andere einsetzt, ohne dafür ein Selfie zu posten. Und diese Lektionen waren wertvoller als jedes Anti-Diskriminierungsgesetz, das je im Bundestag beschlossen wurde.

Manchmal denke ich: Wir waren die letzte Generation, die noch gelernt hat, dass Werte von innen kommen. Heute kommen sie von oben. Früher sagte der Vater: „Hilf deinem Nachbarn, sonst helfe ich dir!“ – und schon war man sozialisiert. Heute sagt ein Ministerium: „Hier ist ein Leitfaden, bitte halten Sie sich an 37 Punkte diversitätssensibler Kommunikation.“ Ergebnis: Man hält sich äußerlich an die Regeln, aber innerlich grollt man. Es entsteht nicht Respekt, sondern Zynismus.

Ein Beispiel: Früher machte ein Kollege einen flapsigen Witz. Vielleicht daneben, vielleicht nicht. Wir haben gelacht, gerollt mit den Augen oder ihn im Zweifelsfall zur Seite genommen: „Alter, das war blöd.“ Heute gibt’s dafür einen Tweet, eine Anzeige und eine Sondersitzung des Betriebsrats. Das Ganze endet mit einem Diversity-Training, in dem jemand mit PowerPoint erklärt, dass man Menschen nicht verletzen soll. Ach was! Als ob das irgendjemand ernsthaft vergessen hätte.

Es ist diese Infantilisierung der Gesellschaft, die mich am meisten erschreckt. Wir behandeln Erwachsene wie Kinder. Jeder braucht Regeln, jeder braucht Schutzräume, jeder braucht Triggerwarnungen. Dabei war die halbe Welt unser Trigger – und wir haben sie trotzdem überlebt. Wir sind mit Rudi Carrell großgeworden, mit Otto, mit Monty Python. Da wurden Witze über alles gemacht – Geschlecht, Religion, Nationalität. Und wir haben gelacht. Nicht, weil wir hasserfüllt waren, sondern weil wir Humor als das erkannt haben, was er ist: ein Ventil.

Heute ist Humor eine Straftat auf Bewährung. Lisa Eckhart weiß davon ein Lied zu singen, wenn sie wieder einmal ausgeladen wird, weil man „Kontroversen vermeiden“ will. Kontroversen vermeiden! Als ob das der Sinn von Kunst wäre. Kunst soll wehtun, soll reiben, soll schockieren. Aber heute sind wir empfindlicher als eine Schneeflocke im August.

Und das Absurde: Während wir uns in der westlichen Welt darüber aufregen, ob jemand einen falschen Witz gemacht hat, gehen in anderen Teilen der Welt Menschen ins Gefängnis, weil sie ihre Meinung äußern. Wir spielen Empörungstheater, während echte Unterdrückung stattfindet. Unsere moralische Energie verpufft im digitalen Nirwana.

Natürlich kann man sagen: „Aber ihr verklärt die Vergangenheit.“ Ja, vielleicht ein bisschen. Aber es ist eine Verklärung mit Substanz. Wir hatten echte Begegnungen. Wir mussten uns nicht über jede Kleinigkeit definieren. Wir waren einfach Menschen. Heute sind wir Profile, Labels, Zugehörigkeiten. Früher fragte man: „Wer bist du?“ Heute fragt man: „Was bist du?“ – und wehe, man hat die falsche Antwort.

Nehmen wir die Schulen. Früher lehrte ein Lehrer Mathe. Heute lehrt er „Haltung“. Kinder sollen nicht mehr nur lesen und schreiben lernen, sondern auch „Zeichen setzen“. Ein Drittklässler soll Haltung zeigen gegen Rechts, gegen Diskriminierung, gegen Klimawandel. Ich frage mich: Soll er nicht lieber erstmal die Einmaleins-Tabelle auswendig lernen, bevor er die Welt rettet? Aber nein, die Kinder müssen heute kleine Aktivisten sein. Wir waren einfach Kinder. Vielleicht liegt genau darin der Unterschied: Wir hatten eine Kindheit, sie haben einen Stundenplan.

Und dann dieser Schuldkult: Wir sollen uns permanent für irgendetwas entschuldigen. Für die Kolonialzeit, für alte Lieder, für Witze aus den 90ern. Wir sollen uns sogar dafür entschuldigen, dass wir früher unbeschwert waren. Unbeschwert! Als wäre Glück schon ein Verbrechen. Es ist eine permanente Selbstgeißelung, die nichts besser macht. Sie spaltet, sie verbittert.

Am Ende bleibt der bittere Geschmack, dass diese neue Form der „Toleranz“ gar keine ist. Sie ist eine Waffe. Wer nicht mitspielt, wird mundtot gemacht. Wer die falschen Worte sagt, verliert Job und Ruf. Das hat mit echter Toleranz nichts zu tun. Echte Toleranz heißt, dass man auch den Unsinn des anderen aushält. Dass man ihn stehen lässt, dass man ihn nicht gleich wegradiert. Toleranz ist nicht die Abwesenheit von Differenz, sondern der Umgang mit ihr. Und genau das verlernen wir gerade.

Wir haben früher einfach gelebt. Wir haben Boy George akzeptiert, ohne es ein politisches Statement zu nennen. Wir haben George Michael geliebt, ohne sein Privatleben zu diskutieren. Wir haben Alyson Moyet gehört, ohne Body Positivity zu rufen. Wir haben Freddie gefeiert, ohne eine Regenbogenflagge zu schwenken. Und wir waren – tolerant. Vielleicht sogar mehr als heute.

Denn Toleranz, die man fordern muss, ist schon keine mehr. Toleranz, die man kontrolliert, ist Zensur. Toleranz, die man sanktioniert, ist Diktatur.

Abschluss & Moral

Wenn man das Ganze nüchtern betrachtet, ist es fast tragikomisch: Die Generation, die mit langen Haaren, Schlaghosen und rauchgeschwängerten Konzertsälen rebellierte, wird heute von moralischen Schülerlotsen der Tugend in die Schranken gewiesen. Ausgerechnet wir, die wir gelernt haben, dass Toleranz im Alltag funktioniert – leise, unaufdringlich, selbstverständlich –, gelten heute als unbelehrbare Fossilien, die angeblich Nachhilfe in „Sensibilität“ brauchen. Dabei waren wir es, die Boy George akzeptierten, ohne dafür Likes zu sammeln. Wir waren es, die Freddie Mercury zujubelten, ohne ihn auf ein Podest der Queer-Symbolik zu stellen. Wir waren es, die Alyson Moyet zuhörten, ohne Body-Positivity-Kampagnen.

Was also ist passiert? Die Gesellschaft hat echte Toleranz – das stille, alltägliche „Leben und leben lassen“ – gegen eine Show eingetauscht. Heute geht es nicht darum, tolerant zu sein. Heute geht es darum, so zu wirken. Eine Haltung haben? Ja, aber bitte in HD-Auflösung und mit Hashtag. Solidarität? Ja, aber nur, wenn sie beim Selfie gut aussieht. Das Ganze gleicht einem Theaterstück, in dem jeder eine Rolle spielt, aber niemand mehr echt ist.

Die Moral? Toleranz lässt sich nicht verordnen. Sie entsteht nicht durch Gesetze, nicht durch Sprachpolizei, nicht durch Androhungen. Sie wächst dort, wo Menschen mit Herz und Verstand aufeinandertreffen. Wer Zensur und Verbote als Werkzeuge der Toleranz einsetzt, produziert am Ende nur das Gegenteil: Spaltung, Frust, Hass.

Unsere Generation wusste das. Vielleicht, weil wir es nicht wussten. Weil wir nicht darüber reden mussten. Weil wir einfach lebten. Und vielleicht liegt genau darin die Lektion: Weniger reden, weniger verbieten – mehr zuhören, mehr fühlen. Und ein bisschen mehr Musik, bitte.

Liebe Leserin, lieber Leser,

wenn Sie bis hierhin durchgehalten haben, dann gehören Sie wahrscheinlich zu jenen, die noch wissen, dass ein guter Song mehr Menschen verbinden kann als tausend Belehrungen. Vielleicht haben Sie selbst noch die Stimme von Freddie im Ohr, die Gitarren von Deep Purple oder das Funkeln in Boy Georges Augen. Und vielleicht erinnern Sie sich daran, wie selbstverständlich das alles war – wie wenig man darüber diskutieren musste.

Ich lade Sie ein: Lassen Sie sich nicht einreden, dass man Toleranz kaufen, per Gesetz verordnen oder mit Strafen durchsetzen könne. Halten Sie Ihr Herz offen, vertrauen Sie dem gesunden Menschenverstand – und lassen Sie anderen den ihren. Und wenn gar nichts mehr hilft: Drehen Sie die Musik lauter.

Bitte bleiben Sie gesund, denn das ist das höchste Gut das wir pflegen sollten!!!

Herzlichst
Ihr Alfred-Walter von Staufen

 

Abbildungen:

  • Alfred-Walter von Staufen

Quellenverzeichnis:

  • Bowie, David – Interviews und Biografien zu seiner Rolle als Pionier geschlechtlicher Ambiguität (u.a. Pegg, Nicholas: The Complete David Bowie, 2016).
  • Reed, Lou – Analyse von „Walk on the Wild Side“ und seiner Rezeption (u.a. DeCurtis, Anthony: Lou Reed: A Life, 2017).
  • Mercury, Freddie – Darstellungen seiner Karriere und seines Lebensstils (u.a. Lesley-Ann Jones: Mercury: An Intimate Biography of Freddie Mercury, 2011).
  • John, Elton – Autobiographie (Me, 2019) sowie mediale Rezeption seiner sexuellen Orientierung in den 70er/80er Jahren.
  • George, Boy – Take It Like a Man (Autobiographie, 1995) und Analysen zu seiner Rolle als Gender-Ikone.
  • Sommerville, Jimmy – Historische Einordnung von „Smalltown Boy“ und LGBTQ-Musikgeschichte (vgl. Whiteley, Sheila: Queering the Popular Pitch, 1994).
  • Moyet, Alyson – Zeitgenössische Kritiken und spätere Body-Image-Debatten in der Musikpresse.
  • Deep Purple, Led Zeppelin, Eagles, Neil Young – Songtexte und deren heutige Interpretation im Spiegel der Political Correctness (vgl. Rolling Stone Magazine Archive).
  • Furedi, Frank: How Fear Works (2018).
  • Lilla, Mark: The Once and Future Liberal (2017).
  • Nuhr, Dieter: Keine Meinung ist auch keine Lösung (2012).
  • Eckhart, Lisa: Kabarettprogramme und Interviews zur Empörungskultur (2017–2023).
  • Duden Online (duden.de) – Debatten um Sprachwandel.
  • Medienberichte über umstrittene Textänderungen bei Kinderbüchern (z.B. Roald Dahl, 2023).